Bundestagwahl und dann?

Keine Ahnung wie es Ihnen allen geht, ich bin froh wenn Sonntag endlich Bundestagswahl ist, damit dieses Wahlkampfgetöse aufhört. Es sind diese Ankündigungen, vonwegen WIR WERDEN, WIR WOLLEN, WIR MÜSSEN, was ich nicht mehr hören kann. Vielleicht ist die Frage angebracht, weshalb nicht einmal ein Bruchteil von all dem, was nun geändert werden soll, die letzten Jahre liegen geblieben ist? Unser Gesundheitssystem z.B. ist von allen Parteien nicht einmal in der Sache gestreift worden.Dazu kommt,wir wählen lediglich Personen, die uns die Parteien vorschlagen. Keiner steht auf der Liste, kein einziges Foto klebt auf dem Plakat, der/die nicht angepasst durch die Schleimspur der Partei gekrochen ist. Wir geben am Sonntag unsere Stimme ab. Nur ab Montag sollten wir genau hinhören und hinschauen, wohin die Karawanne in Berlin zieht! Ab diesem Zeitpunkt sind wir als aktive Zivilgesellschaft gefordert, uns einzumischen.
Meine parteipolitische Laufbahn habe ich mit 26 Jahren blitzartig beendet, als man mir im Hinterzimmer sagte, was vorne im Sitzungssaal des Stadtrates abzustimmen sei. Fraktionszwang hieß das Wort damals wie heute,dass aus Volksvertretern, schnell Volkstreter macht! Was wir brauchen sind Querdenker, Staatsmänner und Frauen mit Ecken und Kanten, die nicht zufrieden sind, wenn sie ihren Allerwertesten auf einem dieser Stühle schwingen, der ihnen existenzielle Sicherheit bis ans Ende des Lebens verspricht! Genau davon gibt es zu viele. 40% unserer MitbürgerInnen, wissen heute noch nicht was sie am Sonntag wählen. Zuviele gehen aufgrund von Politikerverdrossenheit, gar nicht zur Wahl. Da lauft mächtig etwas schief zwischen Wählern und Gewählten!
Politik geht uns jedoch alle an, denn sie bestimmt unser aller Leben. Also ….nicht nur alle paar Jahre wählen, warten und sich aufregen, sondern sich tatsächlich 365 Tage einmischen,in unser aller Leben!

 
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Frau Doktor! Die Kassen sind krank! Fortsetzung 22 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Ich möchte mit Ihnen jetzt eine kleine gedankliche Reise machen. Vielleicht gehen wir zusammen ein Stück in unserer Vorstellung! Ich möchte nämlich, dass Sie sich vorstellen, ein niedergelassener Arzt oder eine niedergelassene Ärztin zu sein. Vielleicht sind Sie es ja, dann brauchen Sie gar nicht so viel Fantasie. Der Tag war anstrengend, und Sie liegen auf dem Sofa mit einem Buch in der Hand. Plötzlich klingelt Ihr Handy. Sie haben Bereitschaftsdienst. Also Buch aus der Hand und Gespräch annehmen. Es meldet sich Max Mustermann, er ist etwas aufgeregt. Nach diversen Entschuldigungen, dass er so spät noch anruft, kommt er zur Sache: «Frau Doktor, Sie müssen dringend vorbeikommen! Hier ist etwas ganz komisch!» Sie schauen auf die Uhr und fragen sich, ob es wirklich sein muss, jetzt noch mal vor die Tür zu gehen. «Was ist denn los?» «Meine Krankenkasse ist krank geworden!» «Wie, krank geworden?» Sie verstehen nicht so richtig. «Liegen alle Sachbearbeiter mit Grippe im Bett, oder was?» «Nein, nicht so!», meint er,«sie verhält sich komisch. Irgendwie ist sie nicht sie selbst!» Er beschreibt Ihnen kurz, was bei ihm los ist. Sie legen auf und seufzen. Buch und Sofa werden hier auf Sie warten müssen. Was Max Mustermann Ihnen erzählt hat, klingt nach einer ernst zu nehmenden Persönlichkeitsstörung. Sie ziehen die Schuhe an und nehmen die Autoschlüssel vom Schrank. Es hilft nichts! Die kranke Kasse müssen Sie sich jetzt persönlich anschauen. Dringend.

Die Kassen sind «schizofirm» geworden

Bevor Sie jetzt tatsächlich dieses Buch zuklappen und ins Auto springen, um zur Kasse zu brausen, beenden wir lieber unser   kleines Gedankenexperiment. Zumindest den Teil mit dem Bereitschaftsdienst. Denn die gesetzlichen Krankenkassen haben tatsächlich erhebliche Identitätsprobleme, und weder sie noch die Mitglieder scheinen zu wissen, wozu die Kassen eigentlich da sind. Anfang des Jahres saß ich mit einer jungen Frau und einem jungen Mann zusammen und habe ihnen von meinen neuen Buchplänen erzählt. Sie haben sich meine Kritik an den Auswüchsen unseres Gesundheitssystems und den Geldhortenden Krankenkassen angehört.

Man muss sich ja nur mal vor Augen führen, dass die Kassen gerade auf einem gigantischen Geldberg sitzen. «Wie kann es sein, dass die Kassen insgesamt 27 Milliarden Euro an Reserven angespart haben?», fragte ich die beiden. Die junge Frau hatte in der Vergangenheit Firmen in Wirtschaftsdingen beraten. Wegen ihrer Erfahrungen in der Unternehmensberatung, so eröffnete sie mir, könne sie meine Kritik und die Frage nicht ganz nachvollziehen. «Jedes Unternehmen darf Gewinn machen und Rücklagen bilden!», sagte sie. In dem Moment habe ich erst kapiert, wie sehr sich oben und unten, Norden und Süden in unseren Köpfen verdreht haben. Wie sehr wir das Wort«Marktwirtschaft»schon auf unsere Nervenzellen getackert haben. Wir Kassenpatienten glauben, dass uns Unternehmen versichern, die am Markt Wind und Wetter trotzen müssen. Aber das stimmt nicht. Gesetzliche Krankenkassen sind keine Unternehmen. Sie sind (noch) Körperschaften des öffentlichen Rechts. Universitäten, Kirchen, anerkannte Freikirchen, das Bayerische Rote Kreuz und gesetzliche Krankenkassen gehören zu einer Rechtsfamilie. Und ihr Charakter ist per Gesetz in Deutschland festgeschrieben. Sie müssen nicht die Steuern zahlen, die Unternehmen bezahlen müssen. Dafür dürfen sie nicht nach Gewinn streben und nur sehr begrenzt Rücklagen bilden. Das wissen aber wohl eher wenige. Denn die Krankenkassen gebärden sich seit Jahren wie privatwirtschaftliche Unternehmen. Das sind sie aber nicht. Darum müsste man ihnen eigentlich Schizophrenie attestieren. In diesem Fall sollte man allerdings von «Schizofirmie» sprechen, dem unbändigen Verlangen, eine echte Firma zu sein.

Über der Zentrale der Barmer GEK in Wuppertal wütete diesen Winter ein Sturm und riss das «G» aus dem Schriftzug mit sich. Plötzlich stand oben auf dem Dach nur noch «BARMER EK», also die Abkürzung für die Firmierung eines eingetragenen Kaufmanns namens Barmer. Der Sturm hatte damit nur das vervollständigt, was die Kassen selbst an werbetechnischem Getöse von sich geben. Nur Begriffsspielerei? In einem Interview mit dem FOCUS formulierte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, 2012 sehr selbstbewusst, was es heißt, eine unternehmerische Krankenkasse zu sein: «Wir sind kundenorientiert, stehen seit 1996 im Wettbewerb und verhandeln hart mit Ärzten, Kliniken oder Apotheken. Nebenbei bewegen wir damit Leistungsausgaben von mehr als 170 Milliarden Euro pro Jahr.» Tja, in der Tat, 170 Milliarden Euro sind eine beeindruckende Summe. Die muss sogar noch mal nach oben geschraubt werden. 2013 gaben die Krankenkassen geschätzt 189 Milliarden Euro aus.

Was für ein Wachstum innerhalb so kurzer Zeit! Im Februar 2014 hat die Barmer GEK sich ganz auf die Entwicklung der Zukunft eingestellt, indem jede fünfte Stelle abgebaut werden soll, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und die Nachrichtensprecherin gab dies mit der Aussage «Das Unternehmen Barmer GEK plant Stellenabbau» an die Öffentlichkeit weiter. Sag ich doch, es grassiert die Schizofirmie! Der deutsche Technologiekonzern Siemens ist zweifellos eines der wichtigsten Elektronikunternehmen weltweit und erwirtschaftete 2012 dagegen einen läppischen Jahresumsatz von 73 Milliarden Euro. Die Krankenkassen bewegen also pro Jahr fast das Dreifache des Umsatzes von Siemens. Wenn man schon so viel Umsatz wie ein DAX-Konzern macht, dann muss man sich auch das Selbstbewusstsein zulegen. «Repräsentativität» ist das Zauberwort, sprich: So ein Kassen-Unternehmen muss was hermachen!

«[…] und immer, in jeder Stadt, steht ein großer, prächtiger, neuer Bau, den man grade errichtet hat. Und dann frag ich. Und in jeder Stadt, die einen turnenden Schutzmann hat, sagt er auf wie das brave Kind in der Klasse: ‹Das? Ist die neue Ortskrankenkasse.›»

Diese Zeilen hat Kurt Tucholsky bereits 1930 geschrieben, also kann man wohl feststellen, dass ein gewisser Hang zum Protz den Krankenkassen bereits in die Wiege gelegt worden ist. 83 Jahre später hat der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen ein neues Domizil in Berlin bezogen. Das Argument war: Bisher seien die Angestellten auf drei Standorte in der deutschen Hauptstadt verteilt gewesen. Der Verband machte sich auf die Suche und wurde fündig: ein großes Haus in Berlin-Mitte. Zuerst zur Miete und dann zum Kauf. Das sei wirtschaftlicher als mieten, meinte der Verband, und der Gesundheitsminister nickte den Deal ab. Die Presse schlug Alarm: 70 Millionen Euro Beitragsgelder werden in der Spree versenkt. Kurt Tucholsky dazu:

«So ein großes Haus …! Sieh mal einer an …! Ein riesiger Kasten. Ja, wer so kann! Das tut jede Verwaltung, die auf sich hält; die Herren haben wohl sehr viel Geld.

Das haben sie tatsächlich, und wer so viel Geld vom Beitragszahler überlassen bekommt, der verliert anscheinend das Gefühl für sparsames Wirtschaften. Der Bundesrechnungshof durchleuchtete 2011 die Mietverträge von gesetzlichen Krankenkassen. Da wurde kräftig zu viel bezahlt, der bekannt gegebene Schaden belief sich für die Beitragszahler auf 14,1 Millionen Euro. Und so ist es gekommen: Die Kassen haben sich großzügige Büroflächen gemietet und dafür einen ortsunüblichen Preis bezahlt. In einem Fall war klar, dass die Kasse nicht einmal die Hälfte der gemieteten 18.000 Quadratmeter braucht. Aber sie klotzen lieber, als zu kleckern, und schlugen zu. Die weiteren Konditionen: Der Mietvertrag lief fünfzehn Jahre, und es gab kein ordentliches Kündigungsrecht.

Meine sehr verehrten Damen und Herren Kassenmanager, ich versuche es Ihnen hier schonend beizubringen, aber so offen müssen wir sein: Sie wurden dermaßen über den Tisch gezogen, dass Ihnen eigentlich der Schädel dröhnen sollte, weil Sie so von der Tischplatte gesegelt sind. Autsch! Die Vermieter werden sich wahrscheinlich ihre Versichertenkarten vergoldet und in ihren Büros eingerahmt haben. Eine andere Kasse hatte beim selben Projektentwickler großzügigst zugeschlagen und dann noch versucht, die leeren Flächen unterzuvermieten.

Leider waren die Mieter klüger als die Kasse und zahlten nicht die horrenden Preise. Der Bundesrechnungshof empfahl den Kassen deshalb höflich, Nachhilfestunden beim Bundesversicherungsamt zu nehmen und den Kontrolleuren die Mietverträge vor Unterschrift vorzulegen. Bisher hatte die höchste Kontrollbehörde die Kassen nur darum gebeten, und allzu oft sind diese jener freundlichen Bitte nicht gefolgt, bemängelt der Bundesrechnungshof. «Mögliche Schadensersatzansprüche gegen Vorstand und Verwaltungsrat der Krankenkassen können bereits verjährt sein, wenn die zuständige Aufsichtsbehörde von den Mietverträgen erfährt», schrieben die Rechnungsprüfer. Aber diese Geschichte ist gleichzeitig ein Lehrbuchbeispiel für die Kontrolle der Krankenkassen in Deutschland.

Der Bundesrechnungshof darf höflich mahnen, entscheiden tun andere. Hier das Bundesgesundheitsministerium, und das meinte, eine Vorlagepflicht für Mietverträge sei nicht erforderlich. Das hat sich erst 2012 geändert. Wenn es um Beraterverträge geht, waren sie ähnlich spendabel wie bei den Mietverträgen. Zwischen 2000 und 2003 ist von 50 Millionen Euro Versichertenbeiträgen für externe Beraterverträge des AOK-Bundesverbandes die Rede, allein die Beratungsfirma McKinsey habe anno 2000 über 28 Millionen Euro kassiert. Dies wurde bereits 2004 in der Sendung FAKT thematisiert! Und? Hat sich was geändert? Die Herren Kassenmanager wirtschaften sehr großzügig mit unseren Beiträgen, und manchmal hat man den Eindruck, dabei handelt es sich um Spielgeld! Sie selber machen dabei natürlich auch keinen schlechten Schnitt. Zum Beispiel hat der ehemalige stellvertretende Vorstandsvorsitzende vom AOK Bundesverband, Dr. Hoberg, sehr gut für sich verhandelt. Er bekam als Nachfolger seines vormaligen Chefs Sing auf dem Posten des AOK-Vorstandsvorsitzenden Baden-Württemberg mit Dienstantritt am 1.10.2004 einen Gehaltsaufschlag von 28 Prozent zu den Bezügen seines Vorgängers.

Na ja, es handelt sich ja lediglich um Versichertenbeiträge, damit kann man als «Gesundheitskasse» offenbar nach Gutsherrenart umgehen, wie man will. Es interessiert wohl niemanden. Und die Versicherten erfahren wie üblich ohnehin nichts davon. Wer fragt die schon? Da werden aus Geschäftsführern über Nacht Vorstandsvorsitzende wie in einer börsennotierten Aktiengesellschaft und erhalten ein stattliches Grundgehalt samt einer Bonuszahlung, die deutlich über dem jährlichen Durchschnittsgehalt der Beitragszahler liegt. Wofür gibt es die fünfstellige Gutschrift? Dafür, dass die Kasse einen Überschuss erwirtschaftet? Kassen begründen die Sonderzahlungen an ihre Vorstände mit keinem Wort. Und die Aufsichtsbehörden – wie das Bundesversicherungsamt, die Landessozialministerien und das Bundesgesundheitsministerium – schweigen. Schamlos bedienen sich Kassenchefs auch bei Abfindungen, etwa wenn ihre Körperschaften fusionieren. Der Präsident des Bundesrechnungshofs, Dieter Engels, kritisierte vor vier Jahren: «Wie manche Kassen mit dem Geld der Versicherten umgehen, habe ich mir nicht vorstellen können.» Zu den Kassenfusionen sagt er, da gebe es «Deals unter den Beteiligten, da bekommt ein Prüfer, der sie aufdeckt, graue Haare». Leider machten die Prüfer diese Deals nicht öffentlich, und die Beitragszahler blieben, abgesehen von vagen Andeutungen, unwissend. Bekannt sind dagegen andere Methoden der Selbstbedienung. Wieder einmal geht es darum, noch mehr Geld zuverdienen. In der AOK gibt es zum Beispiel Patenschaften für andere AOKs. Die AOK ist die einzige Kasse, die sich in Deutschland in einzelne Länderkassen untergliedert. Der Chef der AOK Bayern bekam laut dem Magazin Stern pro Jahr 30.000 Euro als «Pate» der AOK Rheinland-Pfalz und der AOK Saarland.

Trotzdem muss ich die Möchtegern – Palastbaumeister, -miethaie, -paten und unternehmerischen Kassenmanager enttäuschen. Das Unternehmertum der Krankenkasse ist leider nur eine Fantasie. Auch wenn sie gigantische Summen verwalten und in den repräsentativsten Gebäuden residieren. Auch kleine Kinder mit Spielzeugflugzeugen in der Hand stellen sich gerne vor, ein echtes Flugzeug zu steuern. Tun sie aber nicht. Und das wird sich auch nicht ändern, selbst wenn Mama und Papa ihnen zu Weihnachten ganz besonders groĂźe Spielzeugflugzeuge schenken. So bleiben die Krankenkassen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und damit Körperschaften des öffentlichen Rechts. Sehr bedenklich und ernĂĽchternd, wenn die KassenfĂĽrsten daran erinnert werden mĂĽssen. RH

Fortsetzung folgt: Eine Kasse verpuppt sich

 
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Krankenkassen Plus und Mehreinnahmen

Da staunt der Laie, Fachmann und Frau wundern sich. Im ersten Halbjahr 2017 haben die Kassen bereits ein Plus von 1,4 Milliarden Euro erzielt! Was die breite Mediengesellschaft bei dieser Meldung leider vergisst: Nachzuhacken und zwar gründlich! Vielleicht auch ab und zu über die gebrauchte Terminologie nachzudenken. Zum Beispiel Plus macht ein Unternehmen, in dem es Waren verkauft. Aus dem Blickwinkel  betrachtet, sind wir Beitragszahler die verkaufte Ware. Einige Medien sprechen von Mehreinnahmen die Kassen erwirtschaftet haben. Auch hier stellt sich die NIE gestellte Frage – wie kommt es tatsächlich dazu? Da gibt es mehrere Möglichkeiten:

1) Gute Beschäftigungslage steigert den Umsatz – doch die Zahl von 1,4 Milliarden Überschuss in den 113 gesetzlichen Kassen in 6 Monaten, entspricht nicht den Arbeitslosenzahlen.

2)   Rasant steigende Zusatzzahlungen Mehreinahmen steigern

3)    Unkorrekte Beitragsforderungen gegenüber freiwillig Versicherten erhöhen ebenso   die Mehreinnahmen

4) Am schnellsten kommen massive Sparmaßnahmen in Betracht, die das Plus steigern. Und über die werde ich jeden Tag dutzendemal informiert. Hier der Standardsatz den jeder Kassenpatient inzwischen von Arzt – und Apothekenbesuchen kennt: Das ist keine Kassenleistung mehr!!

Ăśbrigens: Die Finanzreserven der 113 Kassen stiegen auf rund 17,5 Milliarden Euro. Was viele leider vergessen, wir hatten zu Zeiten als Seehofer Gesundheitsminister war, weit ĂĽber 1000 Krankenkassen, dementsprechend einen teuren massiven Verwaltungsaufwand.

Zwar haben wir nun über 900 Kassen weniger, jedoch sage und schreibe haben wir die gleich hohen Verwaltungskosten! Und noch etwas wird in den Medien nicht berichtet: Erwirtschaftet wird nur auf Kosten derer, die Beiträge zahlen, die behandeln und pflegen!

 
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Ein Blick auf die Opfer der Systemfehler!

Na klar gibt es, auch in diesem hoch gepriesenen Gesundheitssystem Systemopfer. Das sind vor allem die Menschen, die wirklich krank sind und plötzlich entdecken, welche teilweise völlig abstrusen politischen Rahmenbedingungen sie ausgeliefert sind. Dieser Tage wieder begegnete ich einer jungen, hübschen, modernen Frau, die von heute auf morgen aus einer Toppstellung im Bildungswesen gerissen wurde, weil sie Opfer eines Unfalls wurde und sich quasi über Nacht im Rollstuhl wiederfand. Alles in ihr rebellierte gegen dieses Schicksal. Sie hatte nur einen Wunsch: Trotz ihrer Behinderung wollte sie so schnell als möglich wieder ihren Job aufnehmen. Statt sinnvollen, praktischen, pragmatischen Beistand zu erfahren, wie sie ihn unmittelbar nach dem Unfall von Pflegern und Ärzten übrigens auf überwältigend positive Weise erlebt hatte, fand sie sich plötzlich in einem Krieg vor – einem absurden Stellungs-, Busch-, und Kleinkrieg mit der Krankenkasse, dem Versorgungsamt und vielen anderen Dienststellen. Über Wochen hin wurde eine Art Papierblockade um sie herum errichtet. Sollte sie kuschen, tricksen, Widerstand leisten, protestieren, drohen, vorgesetzte Dienststellen einschalten? Um das Nötigste musste sie förmlich betteln, was sie als entwürdigend empfand, weshalb sie verschiedene Hilfsmittel, die ihr dem Papier nach zustanden, kurzerhand aus der eigenen Tasche bezahlte. Andererseits wurde sie mit Leistungen überhäuft und mit bürokratischer Gewalt zur Annahme therapeutischer Maßnahmen gezwungen, die sie gar nicht brauchte. Das Fazit dieser klugen und aktiven Frau: „Manchmal bin ich in Tränen ausgebrochen, nicht weil es mir so schlecht ging, ich bin hart im Nehmen. Nein, weil sie es einfach mit mir machten!“

 
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Fortsetzung 21: “Wer bekommt zu Recht unser Geld?”

Die Hauptfrage ist: Was geht mich die Krankheit eines anderen Menschen an? Nach dem tragischen Skiunfall des deutschen Rennfahrers Michael Schumacher kam eine Frage auf: Sollten sich nicht Leute mit solchen gefährlichen Hobbys extra versichern, damit die Kasse das nicht zahlen muss? Plötzlich diskutieren wir darüber, was das Solidarsystem nicht bezahlen sollte. Diesen Streit gibt es nicht nur über Michael Schumacher, der sicherlich nicht Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung ist. Was ist aber mit den Rauchern? Sie schaden ihrer eigenen Gesundheit jahrelang und sind sich der Konsequenzen bewusst mittlerweile schreit es ihnen jede Zigarettenschachtel in großen Buchstaben entgegen! Muss dann die Gemeinschaft dafür aufkommen, dass sie im Alter Krebs oder in einer teuren Operation ihre Beine amputiert bekommen.

Was ist mit den Dicken? Wenn die sich nicht zusammenreißen und nicht genug bewegen, was kann die Gemeinschaft dafür? Das habe ich übrigens schon oft von Ärzten gehört: «Wer so fett ist, soll selbst zahlen! Wenn die wegen ihrer Fettsucht kommen, sollen sie individuelle Gesundheitsleistungen kaufen!» Nicht nur in einem Fall kamen die Ideen von massiven Bierbauchträgern. Machen wir weiter: Was ist mit Menschen mit Aids? Bluthochdruck? Malaria? Hätten die nicht besser auf sich aufpassen können?

Schließlich sind die verantwortungsbewussten Mitglieder des Gesundheitssystems ja die, die in ihrem Bonusheft Stempel vom Fitnessstudio und Sportverein und einen vorbildlichen Body-Mass-Index haben. Die geben sich Mühe, nichts zu kosten, und die Kassen belohnen das. Aber bekommen dann diejenigen zu Recht Geld, die unverantwortlich waren? Wer hat es verdient, so viel Geld aus diesem Topf zu bekommen, wie nçtig ist? Die Diskussion wird geführt, und sie ist eine gefährliche Diskussion! Wer ist denn ein Richter, über diese Frage zu entscheiden? Niemand, aber es richten alle, wenn es um fremde Krankheiten geht, und so stigmatisieren wir Menschen!

Wir sagen: «Du bist zu dick», meinen aber: «Du bist zu teuer!» Wer führt hier die Manipulationsrhetorik? Und nach welchem Maßstab richten wir uns da aus? Der Markt im Gesundheitssystem hat unser Denken schon so herumgerissen wie ein Magnet die Kompassnadel. Die Prioritäten verschieben sich: Es geht nicht mehr um Mitgefühl und Menschenwürde, sondern um den Preis. Und bei der Preisfrage sind alle anderen Werte fließend. Eine weitere Geschichte, die mich sehr geprägt hat und die ich deshalb auch immer erzähle, ist die einer Familie mit drei behinderten Jungen. Diese Geschichte ist für mich symptomatisch für das System.

Da gibt es jemanden, der eine Krankheit hat. Er ist krankenversichert und hat sich darauf verlassen, dass seine Krankenkasse bezahlt. Aber in diesem Fall hat sie die Familie im Stich gelassen. Ich habe die Geschichte auch im Oktober 2013 bei einem Vortrag in Rheinland-Pfalz vor 1200 Leuten thematisiert und eine Reaktion bekommen, die mir Sorgen bereitet. Ich erzählte davon, dass die Krankenkassen im Jahr 2009 Ausschreibungen bei Lieferanten von Inkontinenz-Artikeln gestartet hatten, um über günstige Preise «Geld einzusparen»! Der Billigste war am Zug, um den Zuschlag zu bekommen. Auch die Kasse der Familie hat diese Art der «Sparmaßnahme» mitgemacht. Zu diesem Zeitpunkt durfte niemand mehr im Sanitätshaus oder in der Apotheke ein Rezept für Windeln einlösen. Die Familie war aufgeschmissen!

Die drei Buben waren schon Jugendliche und junge Erwachsene, aber wegen ihrer Behinderung brauchten sie alle Windeln, und plötzlich gab es im Sanitätshaus keine mehr für sie. Der neue Lieferant konnte aber erst nach drei Wochen liefern. Und weil sein Angebots-Preis so tief war, musste er das Produkt natürlich günstig machen und schnell nachliefern. Sie hat also eine Palette voll mit Windeln für vier Wochen vor der Tür abgestellt. Die Firma hat nach Statistik berechnet, wie viele Windeln drei junge Männer in dieser Zeit verbrauchen dürfen, und hat diese Einlagen auf eine Palette gepackt und angeliefert.

Aber wo soll eine Familie so viele Windeln unterbringen? Wir hatten damals schon mit ihnen Kontakt, und so haben sie meinen Mann und mich angerufen, weil sie mit dem Windelberg nicht weiterwussten. Mein Mann hat aus dem Baumarkt Mülltüten geholt, und wir haben auf der Straße die Windeln von der Palette genommen und in die Säcke gepackt und so mit vereinten Kräften die Palette geleert. Dann die Windeln im Zehnerpack verstaut, wo wir in der Wohnung Platz gefunden haben: unterm Bett, hinterm Schrank, den Rest in den Müllsäcken im Fahrradkeller. Es war August und ziemlich warm, und mein Mann meinte nur in seiner sarkastischen Art: «Schade, dass nicht Winter ist, das wäre eine wunderbare Wärmedämmung!» Keine Woche später hat mich die Frau wieder angerufen und uns gebeten, schnell zukommen. Ihre Wohnung sei jetzt unbewohnbar, sagte sie am Telefon. Denn die Windeln seien keine Windeln, sondern wären wie Plastiktüten, auf die zehn Lagen Papiertaschentücher geklebt wurden. Und jetzt machen sie Riesenprobleme.

Also sind wir wieder ins Allgäu gefahren und haben nach dieser kurzen Zeit die Wohnung nicht mehr wieder erkannt. Alle Sessel und Stühle waren eingehüllt in dünne Malerfolie, und in der Wohnung hat es penetrant gestunken. Dann hat die Mutter mir eine Windel gezeigt, und was ich sah, war ein völliger Wahnsinn! So ein Kerl mit neunzig Kilo, der ganz normal isst, hat einen Stuhlgang, der garantiert nicht von dieser Windel gehalten wird. Vom Urin ganz zu schweigen. Also hat sie mindestens zwei, drei Windeln übereinander angezogen, um das Nötigste zu halten. Aber wenn die Jungs sich hingesetzt haben, dann ist der Inhalt wegen des schlechten Gummis rechts und links rausgelaufen.

Das sind Situationen, die mich geprägt haben. Am liebsten hätte ich so eine volle Windel genommen, um in die Firma zu fahren und sie denen so lange unter die Nase zu halten, bis sie merken, was für ein sprichwörtlicher Mist ihr Produkt ist. Nur, wo sollte ich hinfahren? In die Krankenkasse oder in die Firma, die damit ihren Gewinn macht? Oder zu dem Schreibtischtäter, der irgendwo sitzt und ausrechnet, wie viel Stuhlgang solche jungen Kerle haben, ohne sie jemals gesehen zu haben.

Dann habe ich eine Entscheidung getroffen, und wir haben die Bürgertreffs in der ganzen Region in Aktion gebracht. Viele Menschen sind in die Apotheken und Sanitätshäuser gegangen und haben die Leute gebeten, ihre Kunden mit Inkontinenz anzusprechen, dass die sich bei uns melden sollen. Nach zehn Tagen waren es schon so viele, dass wir eine Woche lang die vollen Windeln abgeholt und jeden Morgen bei der jeweiligen Krankenkasse an die Tür hängen konnten. Die regionalen Büros meldeten das an die zentralen Stellen. Und dann tat sich endlich etwas. Eine Firma musste nachrüsten, und mittlerweile kann man Rezepte von manchen Kassen auch wieder bei Sanitätshäusern oder in den Apotheken gegen Windeln einlösen.

Wer war hier der Schnäppchenjäger? Es war die Krankenkasse, weil sie den billigsten Anbieter wollte. Angetrieben durch das Wettbewerbsstärkungsgesetz der letzten Großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Da sind wir im Markt und nicht mehr im Solidarsystem. Denn dort hätte die Kasse die Pflicht und Schuldigkeit, nach den Bedürfnissen der Patienten und nicht nach dem billigsten Anbieter zu schauen. Es geht um die Würde der Menschen, und es ist für mich kein menschenwürdiges Leben, wenn die Möbel voller Stuhlgang kleben oder Kranke sich nachts in der nassen Windel wund liegen müssen!

So weit sind wir schon bereit, die Schwachen den Schnäppchenjägern auszuliefern. Wenige Tage, nachdem ich die Geschichte bei dem Vortrag erzählt hatte, bekam ich eine lange E-Mail von einer Zuhörerin. Der Inhalt hat mich wirklich geplättet! Sie kam schnell auf den Punkt: «Zum Beispiel diese Familie vom Allgäu mit DREI!! behinderten Kindern und den Windeln – das war sehr unappetitlich und klang für mich nach Bildzeitungs-Niveau», schrieb sie mir. Und weiter: «Warum, frage ich mich, muss eine Frau drei behinderte Kinder zur Welt bringen!?» Die Frau regte sich also nicht darüber auf, dass die Kasse eine Familie im Stich gelassen hat, sondern dass die Familie bedürftig war. In ihren Augen unnötigerweise bedürftig. Nach dieser Logik müssten wir die Kassen mittlerweile dafür loben, dass sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil sie dadurch ja unser Geld sparen! Vielleicht könnte ja unser Beitrag in Zukunft sinken, wenn wir die unnötig Kranken nicht mehr mitfinanzieren müssten. Und dazu gehören anscheinend auch Behinderte, denn die hätten unnötigerweise nicht geboren werden müssen, womit sie nur unser Solidarsystem belasten.

Die Frau schrieb mir weiter:

«Nach dem ersten behinderten Kind hätte diese gute Frau verhüten müssen mit gesundem Menschverstand, oder? Sollen wir diesen Wahnsinn mit unseren Beiträgen bezahlen, dass die Asozialen Kinder in die Welt setzen – weil es gerade so lustig ist, und der Staat (auch ich) soll dafür mit unseren Beiträgen zahlen?»

Ja, wir zahlen. Wir zahlen für die Kranken. Für die Leichtsinnigen und die Behinderten. Wir zahlen dafür, weil wir selbst durch Leichtsinn krank oder sogar behindert werden können. Das ist das Solidarsystem. Gerade ist aber jeder dabei, dieses System zu plündern. Die Patienten sind eigentlich die, die das verhindern sollten. Weil sie davon profitieren. Aber wir sind Schnäppchenjäger und keine Patienten, und als solche sind wir gerade dabei, uns in die Schlange derer zu stellen, die dieses System ausrauben und abmurksen wollen.

Fortsetzung folgt: „Frau Doktor! Die Kassen sind krank!“

 
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Warum ein besserer Rollstuhl? Gelähmt ist gelähmt! Fortsetzung 20 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Ich lernte einmal eine junge Frau kennen. Damals war sie Anfang zwanzig. Seit einem Unfall in der Schule saß sie im Rollstuhl. Das Modell, das ihr die Kasse gezahlt hatte, war für sie eine Katastrophe. Sie wohnte in einer Wohnung im zweiten Stock, und solange sie drinnen blieb, gab es keine Probleme. Aber wenn sie vor die Tür wollte, musste sie immer jemanden bitten, ihr in den Aufzug zu helfen und sie auf die Straße zu schieben. Mit dem Bus fahren war für sie unmöglich. Für all das hatte sie einfach nicht genug Kraft in den Armen. Ich unterstütze ihren Wunsch, dass sie selbständig leben kann. Dass sie wieder ein besseres Lebensgefühl findet und unter andere junge Leute kommt. Seit dem Unfall haben sich aber die Kassen gestritten, wer für sie bezahlen soll. Jahr für Jahr ging es zwischen der Unfall- und der Krankenkasse hin und her, während sie isoliert in der Wohnung saß. Darum habe ich mich für die junge Frau engagiert und ihre Geschichte auf einer Veranstaltung meiner Initiative «Bürgerschulterschluss» erzählt. Der Effekt war, dass wir auf einmal eine Diskussion hatten und ein pensionierter Beamter mich fragte, ob die mit 23 wirklich so einen teuren elektrischen Rollstuhl brauche. Ich habe gefragt: «Wieso denken Sie, weshalb sie ihn nicht braucht? Nicht bekommen sollte?» «Es gibt ja auch billigere Rollstühle!», war seine Antwort. Da habe ich gekontert, weil mir fast der Kragen geplatzt ist:

«Was macht ihr denn mit euren Bonusheften? Braucht ihr diese Kassenzugaben?» «Frau Hartwig, ich brauch kein Bonusheft, ich bin privat versichert», sagte der Beamte.

Mein Adrenalinpegel stieg weiter: «Was gibt das jetzt? Eine neue Auflage der Geschichte ‹Wir sind die besseren Patienten›? Haben wir nicht schon genug an gravierenden Unterschieden?

Mag ja sein, dass zu Ihnen der Herr Doktor freundlicher ist, mehr Zeit für Sie verwendet, Ihnen besser zuhört und nicht laufend auf seinen PC sieht, um das Budget nicht aus dem Auge zu verlieren. Bilden Sie sich ja nicht ein, es gehe dabei um Sie! Es geht dabei um die Bezahlungsmodalität Ihrer Behandlung, da Sie als Beamter als Privatpatient in der Praxis aufschlagen! Und was denken Sie, wer Ihre Beihilfe bezahlt? Wir, die Masse der Steuerzahler! Also, sollen wir nun auf dieser Basis weiter diskutieren? Wer der‹bessere›Patient ist? Wem was eher zusteht? Denn Sie als Beamter kommen als Privatversicherter mit Beihilfe gar nicht in so eine Situation wie diese junge Frau!

Ja, ich war in dem Moment echt sauer! Vielleicht weil es zu oft vorkommt, dass wir so über einen anderen Menschen diskutieren, zum Beispiel wie eben in dem Fall, ob die junge Frau einen gescheiten Rollstuhl bekommen darf oder nicht. Und während sie in der Runde über andere diskutierten, haben sie weder als Privat- noch als Kassenpatient daran gedacht, wie ihre in Anspruch genommenen Vorteile finanziert werden. Vorteile und Geschenke, Rabatte und Boni, Pizzaessen und Gartenscheren – das alles geht. Aber ein elektrischer Rollstuhl ist plötzlich unnötiger Luxus, und da muss man genau hinschauen. Mit beiden Händen in den Topf reinlangen wie der Arzt in den Karton mit Kugelschreibern.

Unser Egoismus zeigt sein Gesicht, indem wir solche Diskussionen fĂĽhren wie oben: Braucht die junge Frau diesen Rollstuhl? Was bitte treibt uns in der Ăśberlegung? Der Mensch? Seine Lebenssituation? Oder nicht eher die Angst, zu kurz zu kommen? Diesen Gedanken mĂĽssen wir weiterdenken, denn dieses Denken vergiftet unsere Gesellschaft an einer empfindlichen Stelle. Wenn wir schon Menschen nichts gönnen, die fĂĽr ihre Krankheit nichts können, was machen wir dann mit denen, die in unseren Augen selbst schuld an ihrem Leid sind?” (..)

Fortsetzung folgt: „Wer kriegt zu Recht unser Geld?“

 
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Schnäppchenjagd beim Arzt – Fortsetzung 19 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

(..)  Aber jetzt haben wir nun mal den Patienten das Jagen beigebracht. Das Revier erstreckt sich längst auch auf die Praxen. Eine Doktorin stöhnte einmal, dass sich Patienten oft wie im Selbstbedienungsladen aufführten. Da kämen Rezept-Wünsche per E-Mail, die dann am besten gleich per Fax an die Apotheke geschickt werden sollten. Das spart Zeit, aber beim Geldsparen gibt es auch kreative Ideen. Eine davon kommt aus der Zeit, als in Deutschland Patienten noch zehn Euro Praxisgebühr bezahlen mussten. Und so lautet sie:Wenn bei einem Paar beide Partner dasselbe Medikament benötigen, zum Beispiel Blutdruckpräparate, wäre es doch dumm, zu zweit in die Praxis zu gehen und somit zweimal zehn Euro zu bezahlen! Also geht nur einer von den beiden und lässt sich das Rezept ausstellen, jedoch mit der doppelten Menge! Die Geschichte hat mir die erwähnte Ärztin erzählt. Sie hat dann irgendwann geschaltet: Die teilen sich die Medikamente und sparen so eine Praxisgebühr. Die Ärztin aber (jetzt muss ich die Ärzte in Schutz nehmen) bekommt von der Kassenärztlichen Vereinigung nur einen Fall erstattet, nämlich den, dessen Kassen-«Glückskarte» eingelesen wird. Und so betrügen diese Patienten nicht das große, gesichtslose System, sondern ihre eigene Hausärztin in der Nachbarschaft.

So eine Schnäppchenjägerin habe ich auch bei einem Treffen unserer Bürgerschulterschluss-Initiative kennen gelernt. Sie hat sich tierisch aufgeregt über ihren Arzt. Sie war krank gewesen, und der Arzt hatte ihr nur ein Rezept für 20 Tabletten gegeben. Sie wollte aber 100 Tabletten haben. Der Arzt hatte sich nicht darauf eingelassen. Ihre Krankheit war nichts Langwieriges, und ich konnte nicht verstehen, was so schlimm an der Sache war. «Es kann doch sein, dass die 20 ausreichen», habe ich gesagt und im Kopf überschlagen, dass solch ein Rezept billiger für sie ist. «Was soll daran billiger sein?», hat sie mich empört gefragt.´«Wenn ich nur 20 Tabletten bekomme und brauche dann doch mehr, muss ich in der Apotheke wieder dazuzahlen!» Erst in dem Moment verstand ich die Rechnung: Natürlich ist die Hunderter-Packung teurer. Aber diesen Preis zahlt nicht die Patientin, sondern die Kasse, also die Gemeinschaft. Sie störte vielmehr der Preis, den sie selbst in der Apotheke noch mal drauflegen müsste. Als ich ihr dann sagte, dass dann wahrscheinlich 80 Tabletten bei ihr rumliegen und verfallen würden, meinte sie, das sei ihr wurscht. Für viele sind das Lappalien. Diese Frau wird die Gesundheitsversorgung nicht zum Erliegen bringen. Solche Geschichten erzähle ich aber mit einem unguten Gefühl: Es zeigt deutlich, wie wir selbst den Kontakt zu unserem Solidarsystem verloren haben und es im Stich lassen. Mein Eindruck ist, dass es vielen schon herzlich egal geworden ist und sie sich gar nicht mehr für die Zusammenhänge und den Sinn unserer Versorgung interessieren. Die Kassen packen uns bei unserem Ego und lehren uns, unsere Versicherung als einen Vertrag zu verstehen, den wir genauso gut auch für unser Telefon hätten abschließen können. Da freuen wir uns auch, wenn wir einen vorteilhaften Tarif und attraktive Prämien bekommen. Die Botschaft der neuen Krankenversicherung ist: Wir können für uns etwas rausschlagen. Nicht mehr bezahlen als nötig! Das ist perfektes Werbedeutsch, und bei einem Telefontarif fände ich es angemessen-

Für unser Gesundheitssystem ist es ein Desaster. Schnäppchenjäger sind Pfennigfuchser und schauen aufs Geld. Und was passiert, wenn sie kapieren, dass dieses System allen dienen soll und nicht ihnen allein? Dann werden sie nicht großzügiger, sondern geiziger. Sie sind ja mittlerweile dafür trainiert, auf den Preis zu achten! Und wehe, einer ist zu teuer! Teuer werden Patienten dann, wenn sie schwer krank sind. (..)

Fortsetzung folgt:  “Warum ein besserer Rollstuhl? Gelähmt ist gelähmt!”

 
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Fortsetzung 18 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Sirenenschreie

FĂĽr die Kassen ist das Werbung. 2007 hatte die GroĂźe Koalition unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Wettbewerbsstärkungsgesetz erlassen. Wieder so ein WortungetĂĽm. Es sollte mehr Wettbewerb unter den Krankenkassen bringen, denn Wettbewerb sei immer gut fĂĽr die Kunden. Aber sind wir nicht eigentlich Kassenmitglieder und, wenn wir krank werden, Kassenpatienten? Eigentlich sollte die Kasse doch nur treuhänderisch unser Geld verwalten und nicht Wettbewerb betreiben. Mittlerweile sehen uns die Kassen aber auf jeden Fall als ihre Kunden an. Und seitdem es den Gesundheitsfonds gibt, buhlen sie um Mitglieder. Denn je mehr sie haben, desto mehr Geld bekommen sie, und desto mehr Macht haben sie. Und so bombardieren sie uns mit Werbung und Angeboten, als wären wir unterwegs in der FuĂźgängerzone. Das Wort Krankenkasse ist dazu auch nicht mehr sexy genug, also nennt man sich zum Beispiel lieber «Ihre DAK-Gesundheit». Vor einiger Zeit wurde in Medizinerkreisen noch schwer das Ă„rzte-Hopping beklagt, bei dem die Patienten von Arzt zu Arzt rennen. Dagegen scheint das Krankenkassen-Hopping richtig gewollt zu sein. Dabei ist die Idee vom Wettbewerb ein groĂźer Schmarren. Denn das Angebot ist ĂĽberall gleich. Der Versicherungsbeitrag ist in Deutschland per Gesetz fĂĽr alle festgeschrieben. Die jetzige GroĂźe Koalition plant zwar, dass die Kassen bald Zusatzbeiträge festlegen dĂĽrfen. Aber das ist Zukunftsmusik – noch zahlen alle dasselbe. Und warum sollte ich denn in die Kasse A wechseln, wenn sie mich genauso viel Geld kostet wie Kasse B? Die Kassen haben sich darum etwas einfallen lassen! Sie machen kleine Geschenke fĂĽr die Geldbeutel ihrer Kunden. Denn Schnäppchenjäger schauen immer zuerst in ihren Geldbeutel und selten weiter. Die Techniker Krankenkasse warb beispielsweise in der Zeitung und im Radio mit einer Wechselprämie von 80 Euro. «Davon können Sie sich zum Beispiel neue Sportschuhe kaufen, die Sie gut fĂĽr unsere Angebote nutzen können», flötete die Anzeige. Ăśbrigens, mit «Angebote» waren die verschiedenen ZuschĂĽsse fĂĽr sportliche Aktivitäten gemeint. Die Frage ist nur: Woher kommen denn diese 80 Euro? Die hat die Gemeinschaft in einen Topf einbezahlt. Und daraus bedient sich jetzt eine Krankenkasse, um Schnäppchenjäger zum Wechsel zu animieren. Die DAK legte sogar noch einen drauf und sagte im Januar 2014, dass fĂĽr eine Familie pro Jahr eine RĂĽckzahlung von 600 Euro drin sei. DafĂĽr mĂĽssen die Mitglieder einige Voraussetzungen erfĂĽllen. Der Deal ist, dass sie einen Gesundheitsfragebogen ausfĂĽllen, Vorsorgeuntersuchungen machen und auĂźerdem bei Blutdruck oder Gewicht gute Werte erzielen. Und sie mĂĽssen bereit sein, bis zu einer vereinbarten Höhe selbst fĂĽr «bestimmte medizinische Leistungen» aufzukommen. Das ist dann wie bei der Autoversicherung – den Lack fĂĽr den Kratzer an der StoĂźstange zahle ich auch selbst, wenn ich mich auf eine Selbstbeteiligung eingelassen habe. Aber eine Krankenkasse ist keine Autoversicherung. Mich erinnert das stark an die privaten amerikanischen Versicherungskonzerne. Dahin will die DAK uns anscheinend Schritt fĂĽr Schritt umerziehen. Denn fĂĽr unsere Bereitschaft winkt sie mit einer dicken Prämie. Sie bekommen also Geld, wenn Sie gesund sind – wenn Sie krank werden, werden Sie zum Bittsteller! Dieses System ist schizophren! Als ich mit einer Ă„rztin ĂĽber diesen Tarif gesprochen habe, ist die schier an die Decke gegangen. «Die Kassen sagen ihren Mitgliedern immer: ‹Gehen Sie zum Hausarzt, der macht das!›», regte sie sich auf. Die DAK zahlt zum Beispiel fĂĽr gute Gesundheitswerte 60 Euro im Jahr an die Mitglieder. FĂĽr den von der Kasse geforderten Bonusstempel bekommt der Arzt aber nichts. Allein fĂĽr den Body Mass – Index muss eine Arzthelferin mit dem Patienten zur Waage gehen, und die Ă„rztin rechnet das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht am Computer aus. FĂĽr diese Arbeit sieht sie kein Geld. «Ich habe gesagt, wir machen das nicht mehr umsonst!», sagte die Ă„rztin wĂĽtend. «Jetzt verlangen wir fĂĽnfzehn Euro dafĂĽr!» Und schon wieder reden wir nur ĂĽber Geld, Gier, Neid und Missgunst. Aber der DAK-Tarif geht mit seiner Umerziehung noch weiter. In ihrem Mitgliedermagazin zeigt sie einen jungen Mann, der den Tarif anpreist. Auf einem Foto steht er schĂĽchtern lächelnd in einem Trödelgeschäft, sechs hässliche Untertassen in der Hand, und der Text verrät ĂĽber ihn: «Bei einem guten Angebot kann ich nicht widerstehen. Deshalb finde ich es spannend, in Antiquariaten zu stöbern oder auf Flohmärkten zu feilschen, und dafĂĽr nehme ich mir auch gerne Zeit.» Aha, feilschen! Und weiter: «Dabei geht’s mir weniger um das Sparen: Es ist einfach ein gutes GefĂĽhl zu wissen, dass ich nicht mehr bezahlt habe als nötig – vielleicht sogar weniger.» Da steht er also, der Schnäppchenjäger, und ich bin dankbar fĂĽr den Einblick in seine tiefste Seele. Ich dachte, es geht uns immer nur ums Geld und darum, noch mehr davon zu kriegen. Die DAK klärt uns aber auf: Es ist einfach ein gutes GefĂĽhl, nicht mehr als nötig zu bezahlen. FĂĽr sich selbst, versteht sich! Dieser Mann auf dem Foto ist ja erkennbar jung und gesund. Klar, dass er da nicht viele Arztkosten hat. Wenn er mir nicht auf einem Werbefoto, sondern in echt begegnen wĂĽrde, wĂĽrde ich ihn nur zu gerne fragen: «FĂĽr wen bezahlen wir noch mal unsere Kassenbeiträge?» Wenn unser System so aussähe, dass wir zur Bankgehen und dort eine Gesundheitsversicherung abschlieĂźen, die wir ansparen und die uns dann ausbezahlt wird, wenn wir krank werden, hätte ich gar nichts gegen die Schnäppchenjägerei. Na klar ist es dann ein gutes GefĂĽhl, nicht den teuren Tarif abgeschlossen zu haben. Aber unser Solidarsystem wird uns so verkauft, dass unser Geld fĂĽr Menschen ist, die es aufgrund ihrer Krankheit und ihres Alter brauchen. Also nicht fĂĽr uns, sondern fĂĽr die, die gerade in diesem Moment nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert werden. Die alle zwei Tage zur Dialyse mĂĽssen, weil ihre Nieren kaputt sind. Die Mitte achtzig sind und mehr Medikamente brauchen. Sie alle können nicht mehr feilschen und fĂĽr sich das Beste rausschlagen. Es geht um ihr Leben und ihre WĂĽrde. Und entlarvt sich unsere Sparsamkeit nicht, wenn wir uns fĂĽr einen Moment vorstellen, diesen Menschen ins Gesicht zu sagen: «Es ist ein gutes GefĂĽhl, wenn ich fĂĽr dich nicht mehr zahle als nçtig. Besser sogar weniger!»?

Aber das Geld, das uns die Kassen als Bonus oder Rabatt schenken, geht von dem Geld für die Behandlung der Kranken ab. Die Kassen erwirtschaften ja keine zusätzlichen Gelder mit dem Verkauf von ¾pfeln oder Klosterfrau Melissengeist! Sie verpulvern stattdessen Millionen für Werbung, um uns die Lockangebote überhaupt erst schmackhaft zu machen. Und auch in anderen Bereichen schneiden sie sich die Prämien nicht durch Sparsamkeit etwas aus dem Fleisch. Wie im nächsten Kapitel klar wird, sind die Kassen alles andere als Sparfüchse, wenn es um ihre Gehälter oder Gebäude geht. Nein, das Geld kommt aus der einzigen Quelle, aus der sie sich frei bedienen können: unserem Beitragsgeld. Warum sollte ich da noch einzahlen, wenn sie damit die Urlaubskasse ihrer Mitglieder aufpäppeln? Um Geschenke geht es doch nicht! Aber das scheinen wir vergessen zu haben. Dieses marktschreierische System funktioniert, und es funktioniert nur, weil es unser gieriges Ego erlaubt. Das ist bei den Ärzten nicht anders. Das ist im Krankenhaus nicht anders. Das ist bei den Politikern nicht anders. Und auch nicht bei uns Patienten. Das Gesundheitssystem ist für mich das Spiegelbild einer durch und durch egoistischen Gesellschaft, in der nur noch das ICH zählt. (..)

Fortsetzung folgt: „Schnäppchenjagd beim Arzt“

 
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Fortsetzung 17 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Der Bonus fĂĽr die Gesunden

Die Indianer vom Stamme Nimm der Ärzte haben Cousins und Cousinen unter den Patienten: die Schnäppchenjäger. Sie wollen etwas aus diesem Gesundheitssystem rausholen. Denn gefühlt hat es ihnen bisher nicht viel geholfen. Eine Bekannte kam mal zu mir und streckte mir sehr offensichtlich ihre Füße entgegen. Es war Sommer, ihre Füße steckten in offenen Sandalen, und die Zehen klimperten aufreizend. «Na? Wie findest du meine Füße?», fragte sie mich. Ich wusste nicht, was sie meinte. Hatte sie neue Schuhe gekauft? «Ich war bei der Fußpflege!», klärte sie mich auf, nachdem ich nicht selbst auf diesen weltbewegenden Unterschied gekommen war. Ich muss gestehen, dass ich den Leuten nicht so oft auf die Fußzehen starre! Aber das war wirklich eine Neuigkeit: Fußpflege! Meine Bekannte hatte noch nie davon gesprochen. Wie sich dann herausstellte, war sie in ihren über fünfzig Lebensjahren auch noch nie dort gewesen. Doch eines Tages hatte sie entdeckt, dass ihre Krankenkasse Fußpflege-Prozente für ihre Mitglieder anbietet, und zugeschlagen. «Wer zahlt das?», fragte ich sie und bekam die gleiche Antwort wie von den Frauen beim Pilates-Kurs: «Das ist mir egal! Wenn ich schon nicht krank werde, dann muss ich schauen, wie ich mein Geld wieder rauskriege!» Die Kassen haben uns Schnäppchenjäger sehr schnell durchschaut. Ganze Bonushefte mit Rabatten werden angeboten. Mitglieder können sogar in Restaurants billiger essen. Als ich begonnen habe, mich mit dem Gesundheitssystem zu befassen, wollte ich die Patienten aufklären. Daraus ist eine Bürgerinitiative entstanden, und es gibt Treffen überall in Deutschland, in denen sich Patienten über das Gesundheitssystem austauschen

und informieren. Diese Abende haben meistens ein Thema, und danach sitzt man noch zusammen. Im bayerischen Schwaben hatte sich eine Gruppe in der Volkshochschule getroffen und mich zu einem Vortrag eingeladen. Danach wollten wir gemeinsam eine Pizza essen gehen. «Aber wir gehen schon dahin, wo es billiger ist!», sagte eine Teilnehmer in und wedelte mit dem grünen Heft. «Wer ist denn noch alles bei der AOK?» Vier oder fünf waren dabei, und die wälzten zusammen das Heft auf der Suche nach einer im AOK-Heft aufgeführten Pizzeria. Dann fing ich wieder mit dem Solidarsystem an: «Wieso müssen wir jetzt dahin gehen?» Ich kann da sehr penetrant sein, denn wir verstehen immer weniger, was die Kassen für uns leisten sollen. Es ist doch nicht wichtig, dass ich günstiger «Holiday on Ice» sehen und billiger das Legoland besuchen kann. Für mich ist wichtig, dass mich mein Arzt richtig behandeln kann und ihn sein Computer nicht nach fünf Minuten daran erinnern muss, dass hier ein Schnäppchenjäger vor ihm sitzt und mehr Behandlungszeit für ihn nicht mehr drin ist. Die Werbegeschenke werden bezahlt aus dem Topf, in den wir alle mit dem Vertrauen einzahlen, dass dieses Geld da sein wird, wenn wir Hilfe brauchen. Vielleicht haben Sie selbst gemerkt, dass es absurd ist, den Gesunden Ermäßigungen zum Beispiel für fettige Pizzen und Eintrittskarten zu geben. Ein aktuelles Bonusprogramm verteilt Punkte für Untersuchungen und Sport. Sportvereine, Fitnessstudios und Ärzte können ihren Stempel reinsetzen, und die Fleißigen dürfen sich dann eine Prämie aussuchen. So umwerfend ist das Angebot eigentlich nicht, es erinnert stark an die Qualität der Leser-werben-Leser-Prämien, die Tageszeitungen anbieten. Für die Fleißigen gibt es bei manchen Kassen eine kleine Kaffeemaschine (Zitat: «Lecker!»), für die Mittelerfolgreichen ein Blutdruckmessgerät, und am hinteren Ende ist manchmal eine Gartenschere oder eine Zitruspresse drin. Eine Gartenschere? Eine Zitruspresse? Das ist nichts, was ich als lebensnotwendiges Angebot meiner Krankenkasse betrachte. Aber anscheinend funktionieren diese Prämien prächtig. «Manche Patienten sind richtig geil drauf!», sagte ein Arzt zu mir, «die fragen mich immer nach Stempel und Unterschrift.» Natürlich wird hier das Gegenargument gebracht, da gehe es um Prävention. Ziel sei, dass die Leute gesünder leben, das komme der Allgemeinheit zugute. Ich bin aber selbst für meine Gesundheit verantwortlich. Ich habe mir ein Fahrrad gekauft, um mich zu bewegen, und zahle meinen Pilates-Kurs selbst, weil es mir gut tut. Da muss mir die Krankenkasse keine Gartenschere hinhalten wie der Bauer dem Esel eine Karotte. In Wirklichkeit sind es ganz gezielte Marketinginstrumente, um die Leute an ihre Krankenkasse zu binden. Oder zum Wechseln zu animieren. Denn diese Lockangebote spielen mit dem Egoismus und unserer Gier nach Schnäppchen.

Fortsetzung folgt: Kapitel „Sirenenschreie“

 
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Fortsetzung 16 aus meinem Buch Kapitel (Vom Patienten zum Schnäppchenjäger) “Der goldene Skalp”

Vom Patienten zum Schnäppchenjäger

Jetzt möchte ich gerne mal Ihnen eine Frage stellen: FĂĽr wen bezahlen Sie eigentlich Ihren monatlichen Kassenbeitrag? Ich bin viel als Referentin zu Vorträgen unterwegs, und auch da frage ich mein Publikum: Wer glaubt, dass er seine Kassenbeiträge fĂĽr sich selbst einzahlt? Meistens strecken dann 90 von 100 Zuhörerinnen und Zuhörern die Hand in die Höhe. Wenn Sie sich meinem Publikum jetzt angeschlossen haben, muss ich Sie leider enttäuschen. Sie zahlen nicht fĂĽr sich! Das ist der erste Irrtum ĂĽber das Solidarsystem. Nein, eigentlich ist es der Irrtum in unserer Gesellschaft. Ihr Geld zahlen Sie in einen groĂźen Topf ein. Und aus diesem Topf werden alle bedient, die Hilfe brauchen. Die Gemeinschaft steht ein fĂĽr die Schwachen. Die Jungen bezahlen fĂĽr die Alten. Die Gesunden bezahlen fĂĽr die Kranken. Keiner fĂĽr sich selbst. Dieses System ist aber ziemlich in Vergessenheit geraten. In dem Film «Sicko» macht sich der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore auf den Weg nach Europa und versucht dort, die Gesundheitssysteme in England und Frankreich zu verstehen. Ihm gehen fast die Augen ĂĽber, als die Leute ihm erzählen, dass in der Notaufnahme in einem englischen National – Health – Service-Krankenhaus niemand eine Rechnung bezahlen muss. Die Krankenversicherung kommt dafĂĽr auf, egal wie schwerwiegend die Verletzung ist. Der Amerikaner staunt Bauklötze, und die Europäer erklären ihm belustigt die Formel: Jeder nach seinen BedĂĽrfnissen.

Das klingt schon sehr nach Karl Marx. Und irgendwie ist man versucht, dieses verstaubte Wort «Solidarität» samt seinem Marx-Muff in der Rumpelkammer zu entsorgen, in der die ganzen anderen überholten Ideen der Weltgeschichte abgestellt und vergessen worden sind. Tatsächlich ist unser Solidarsystem aber noch nicht ganz abgestellt, sondern am Arbeiten. Es verhindert, dass wir uns verschulden müssen, wenn wir uns mit einer Kreissäge einen Finger absägen oder mit einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Es ist wie ein Fallschirm, den wir bei einem Sprung aus dem Flugzeug auf dem Rücken tragen. Diesen Fallschirm hat uns die Familie der gesetzlich Versicherten geschenkt. Leider sind wir uns dessen nicht mehr bewusst. Unsere Familie ist uns fremd geworden, und wir kennen den Wert des Fallschirms nicht mehr. Darum ist unser Solidarsystem zum Tode verurteilt. Mitte der 1990er-Jahre ist die Krankenversicherungskarte eingeführt worden, und jetzt steckt sie in unserem Geldbeutel wie selbstverständlich neben unserer Bankkarte. Diese beiden Karten haben eines gemeinsam: Wir verlieren das Gefühl für den Wert der Dinge. Wenn ich bargeldlos einkaufe, merke ich erst, dass ich mich übernommen habe, wenn das Konto leer ist und die Karte nicht mehr akzeptiert wird. Es gibt Leute, die interessiert überhaupt nicht mehr, was auf ihrem Konto drauf ist. Sie schieben einfach nur noch die Karte in den Leser und lassen abbuchen. Und so machen wir das mit unserer Krankenkassenkarte auch. Ich stecke sie ein und bekomme das volle Angebot der Medizin quasi gratis. Was dahinter steckt, bekomme ich nicht mehr mit. So verlieren wir das Bewusstsein dafür, dass wir Verantwortung für dieses System tragen. Wir schauen nur noch auf den Profit. Wir ärgern uns nur noch über die Abzüge für die Krankenversicherung, von denen wir auf unseren Gehaltszetteln lesen. Aber wir bekommen nicht mit, wie viel Geld die Solidargemeinschaft für uns beim Arztbesuch investiert oder bereits investiert hat. Eigentlich haben wir nach unserer Geburt und Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das erste Mal einzahlen, schon einen großen Kredit aufgenommen, den wir der Gemeinschaft schulden. Aber dieser Wert ist uns nicht bewusst, weil wir die goldene Karte besitzen und scheinbar alles gratis ist. So werden wir entmündigt und entfremdet von diesem Solidarsystem. Die Ärzte glauben, dass sie zu wenig bekommen. Bei uns ist es umgekehrt: Wir denken, dass uns das alles viel zu viel Geld kostet. Und so stehen wir vor einem großen Irrtum. Das Solidarsystem arbeitet zwar noch und verteilt unser Geld um. Aber es existiert nicht mehr. Nicht mehr in unseren Köpfen, denn dort herrscht schon die Denkweise des Marktes, und die lautet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich habe das bei einem Pilates-Kurs erlebt. Unter den ganzen Teilnehmerinnen war ich die einzige, die den vollen Betrag von 75 Euro bezahlt hat. Alle anderen hatten einen Zettel von der Krankenkasse dabei und dafür einen ordentlichen Rabatt bekommen. Ich habe die anderen damals gefragt: «Aus welchem Grund soll das Solidarsystem Ihnen den Kurs zahlen?» Die haben mich vielleicht angeschaut! Und es kam sofort die Retourkutsche: «Hören Sie mal! Ich habe jetzt jahrelang eingezahlt und habe noch nie etwas rausgeholt.» Man könnte weiter formulieren: «Das steht mir zu! Das habe ich verdient!» Diese Haltung kommt mir sehr bekannt voraus den Gesprächen mit Ärzten.(..)

Fortsetzung folgt — Kapitel: Der Bonus fĂĽr die Gesunden

 
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